"Ehrenamt beginnt nicht mit einem Amt – sondern mit der Entscheidung, für andere da zu sein."
Wer hält eigentlich unseren Verein zusammen?
Ein persönlicher Blick auf das Ehrenamt – und eine Einladung an uns alleSamstagmorgen, Sonntagmorgen, Samstagnachmittag, Sonntagnachmittag.
Die ersten Kinder kommen auf den Sportplatz. Die Fußballschuhe sind geschnürt, die Trinkflaschen gefüllt, der Ball liegt bereit. Trainer begrüßen ihre Mannschaft, Eltern stehen am Spielfeldrand und freuen sich auf ein paar schöne Stunden Fußball.
Alles scheint selbstverständlich.
Doch ist es das wirklich?
Wer hat eigentlich die Tore aufgebaut?
Wer hat den Platz gemäht?
Wer hat den Schiedsrichter organisiert?
Wer hat die Trikots gewaschen?
Wer organisiert den Spielbetrieb?
Wer erstellt Spielpläne, plant Turniere, beantwortet E-Mails oder WhatsApp-Nachrichten, kümmert sich um Förderanträge oder organisiert den Verkauf beim nächsten Heimspiel?
Die Antwort lautet fast immer: Ehrenamtliche.
Menschen, die ihre Zeit schenken. Nicht, weil sie müssen. Sondern weil sie möchten. Weil sie Kindern einen Ort schenken möchten, an dem sie lachen, lernen, Freundschaften schließen und gemeinsam wachsen können.
Mein Weg begann auch am Spielfeldrand
Als meine Söhne Fußball spielten, stand ich zunächst wie viele andere Eltern am Spielfeldrand. Ich habe zugeschaut, mitgefiebert und erlebt, mit wie viel Herzblut sich viele Menschen Woche für Woche für die Kinder einsetzen.
rgendwann fiel mir auf, dass eine Mutter im Hintergrund unglaublich viel organisierte und dem Trainer viele Aufgaben abnahm. Also habe ich sie gefragt, ob ich etwas übernehmen kann.
Aus einer kleinen Unterstützung wurde zunächst eine enge Zusammenarbeit - und aus dieser Zusammenarbeit entstand eine enge Freundschaft, die bis heute besteht – obwohl unsere Kinder längst nicht mehr gemeinsam Fußball spielen. Genau das zeigt für mich, was Ehrenamt ebenfalls schenken kann: Begegnungen, Vertrauen und Freundschaften, die weit über den Sport hinausgehen.
Als sie später aufhörte, weil ihr Kind nicht mehr Fußball spielte, wuchsen ihre Aufgaben nach und nach auf meine Schultern. Mit der Zeit wurde aus dem Helfen Verantwortung. Und aus Verantwortung entstand der Wunsch, Dinge aktiv mitzugestalten und weiterzuentwickeln. Rückblickend war das kein großer Schritt. Es waren viele kleine. Und genau deshalb bin ich heute überzeugt:
Ehrenamt beginnt selten mit einem Amt. Es beginnt meistens mit der einfachen Frage: „Kann ich helfen?“
Heute darf ich als stellvertretende Jugendobfrau Verantwortung übernehmen. Viele nennen mich liebevoll das „Mädchen für alles“. Ich bin auf dem Sportplatz, organisiere Veranstaltungen, schreibe Texte, kümmere mich um Social Media, plane Turniere, unterstütze Trainerinnen und Trainer, organisiere den Spielbetrieb, den Hüttenverkauf, kümmere mich um Schiedsrichter, Trikots und eine einheitliche Ausstattung und packe dort mit an, wo gerade Hilfe gebraucht wird.
Doch wisst ihr was? Meine Aufgabe ist nicht wichtiger als die vieler anderer im Verein. Sie ist nur eine andere.
Ich bin weder wichtiger noch wertvoller als die Mutter, die jedes Wochenende Kuchen backt. Oder der Vater, der die Trinkflaschen reicht. Oder die Trainerin oder der Trainer, die nach Feierabend auf dem Platz stehen. Oder der Platzwart, der den Rasen mäht. Oder der Schiedsrichter, der Woche für Woche dafür sorgt, dass überhaupt gespielt werden kann. Ohne all diese Menschen könnte ich meine Aufgabe überhaupt nicht machen. Ein Verein funktioniert nicht wegen einer Person. Er funktioniert, weil viele Menschen ihren Teil dazu beitragen. Manche übernehmen große Aufgaben. Andere kleine. Doch keine davon ist unwichtig.
Ehrenamt beginnt nicht mit einem Amt
Oft höre ich den Satz:
"Ich habe gar keine Zeit für ein Ehrenamt.“
Aber muss Ehrenamt wirklich bedeuten, Jugendleiter oder Vorsitzender zu werden?
Nein.
Vielleicht bedeutet es einfach, einmal im Monat den Grill zu übernehmen. Beim Sportfest oder Heimspiel zwei Stunden am Getränkestand zu helfen. Eine Fahrgemeinschaft zu organisieren. Fotos für die Mannschaft oder Social Media zu machen. Beim Turnier den Verkauf zu übernehmen. Einen Sponsor anzusprechen. Eine Bande zu reparieren.
Oder einfach einen Trainer zu fragen: „Kann ich dir etwas abnehmen?“
Jeder Verein hat unzählige Aufgaben. Und jede Aufgabe, die jemand zuverlässig übernimmt, ist ein Gewinn. Nicht nur für den Verein. Sondern vor allem für die Menschen, die bisher versucht haben, alles allein zu stemmen.
Warum machen wir das eigentlich?
Vor einigen Wochen durfte ich etwas erleben, das mich tief berührt hat. Ich wurde von den DFB-Stiftungen als eine von nur 30 Ehrenamtlichen aus ganz Deutschland zu einem Dankeschön-Wochenende nach Berlin eingeladen. Dort traf ich Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen des Ehrenamts.
Alle hatten unterschiedliche Geschichten. Unterschiedliche Vereine. Unterschiedliche Aufgaben. Doch am Ende verband uns alle dieselbe Motivation:
Nicht Pokale. Nicht Titel. Nicht Auszeichnungen. Sondern der Wunsch, etwas Positives für andere Menschen zu tun.
Natürlich war diese Einladung eine große Ehre. Aber das Schönste an diesem Wochenende war etwas ganz anderes. Es war das Gefühl, dass jemand einfach sagte:
„Danke.“
Dieses Gefühl wünsche ich jedem Ehrenamtlichen. Nicht erst nach vielen Jahren. Nicht erst bei einer Ehrung oder einer Auszeichnung. Sondern im Alltag. Denn oft sind es nicht große Preise, die Menschen motivieren weiterzumachen.
Es sind die kleinen Gesten. Ein ehrliches „Schön, dass du da bist.“ Ein „Danke für deine Zeit.“ Oder einfach das Gefühl, gesehen zu werden.
Wertschätzung ist keine Nebensache
Seit Berlin denke ich oft darüber nach. Wie häufig sagen wir eigentlich Danke? Dem Trainer. Der Betreuerin. Dem Platzwart. Dem Schiedsrichter. Dem Kassierer. Den Eltern, die Fahrdienste übernehmen. Den Eltern, die Trikots waschen. Dem Teammanager. Den Menschen, die oft im Hintergrund arbeiten und erst dann auffallen, wenn sie plötzlich nicht mehr da sind.
Wir sprechen viel darüber, dass es immer schwieriger wird, Menschen für das Ehrenamt zu gewinnen.
Vielleicht sollten wir genauso viel darüber sprechen, wie wir mit den Menschen umgehen, die sich bereits engagieren.
Ein ehrliches „Danke" kostet nichts. Aber es kann unglaublich viel bewirken.
Ich glaube, wir alle – Vereine, Vorstände, Trainer, Eltern und Mitglieder – dürfen uns das immer wieder bewusst machen. Wertschätzung muss nicht groß sein. Manchmal reicht ein persönliches Wort. Manchmal ein gemeinsamer Nachmittag. Manchmal einfach ein Beitrag auf Social Media, der zeigt: Wir sehen, was ihr leistet.
Auch wir versuchen in unserem Verein, Danke zu sagen. Mit gemeinsamen Abenden für unsere Trainerinnen, Trainer und Ehrenamtlichen oder mit kleinen Gesten der Anerkennung. Und trotzdem habe ich beim Schreiben dieses Artikels gemerkt: Auch wir schaffen das nicht immer so oft, wie wir es eigentlich sollten.
Dabei weiß ich genau, wie viel Arbeit im Hintergrund geleistet wird. Unser Verein weiß das ebenfalls. Nur gelingt es uns im Alltag nicht immer, diese Wertschätzung sichtbar zu machen. Vielleicht sollten wir alle häufiger daran denken. Denn Wertschätzung ist keine Nebensache. Sie ist das Fundament des Ehrenamts.
Das Ehrenamt braucht uns alle
In den vergangenen Jahren habe ich erlebt, wie wunderschön Ehrenamt sein kann. Ich habe erlebt, wie Kinder Freundschaften fürs Leben schließen. Wie aus Spielern später Trainer oder Schiedsrichter werden. Wie Eltern zu einem Team zusammenwachsen. Ich habe aber auch erlebt, wie aus Trainerkollegen echte Freunde werden. Wie aus Menschen, die sich vorher kaum kannten, ein Team entsteht, das nicht nur auf dem Sportplatz zusammenarbeitet, sondern auch darüber hinaus füreinander da ist. Gemeinsame Erlebnisse, Herausforderungen und Erfolge verbinden.
Aus einem Ehrenamt entstehen oft Freundschaften, die weit über den Fußball hinausreichen. Genau das ist für mich einer der schönsten Aspekte des Ehrenamts. Es verbindet Menschen.
Ohne die Bereitschaft, sich einzubringen und Verantwortung zu übernehmen, wären viele dieser Begegnungen und Freundschaften niemals entstanden.
Das erfüllt mich immer wieder mit großer Dankbarkeit und zeigt mir, dass Ehrenamt weit mehr ist als Organisation oder Vereinsarbeit. Es schafft Gemeinschaft. Das Schönste am Ehrenamt sind am Ende oft gar nicht die Veranstaltungen, Turniere oder Erfolge. Es sind die Menschen, die man auf diesem Weg kennenlernt.
Menschen, die zu Freunden werden. Menschen, auf die man sich verlassen kann. Menschen, die das eigene Leben bereichern.
Ich habe aber auch erlebt, wie belastend Ehrenamt manchmal sein kann.
Wie viel Verantwortung einzelne Menschen tragen. Wie schnell man an Grenzen stößt, wenn immer weniger Schultern immer mehr Last tragen. Gerade deshalb gilt mein größter Respekt den Menschen, die seit Jahren oft still und selbstverständlich unglaublich viel leisten.
Den Trainerinnen und Trainern. Den Jugendleitern. Den Platzwarten. Den Betreuern. Den Vorständen.
Und all den vielen Helferinnen und Helfern, die oft mehrere Aufgaben gleichzeitig übernehmen, weil sie wissen, dass es sonst niemand macht. Dieses Engagement ist unbezahlbar und verdient unsere größte Anerkennung. Aber ich weiß auch, dass kaum einer von ihnen so angefangen hat. Die meisten waren irgendwann einfach nur Mutter oder Vater am Spielfeldrand. Spieler. Zuschauer. Oder jemand, der gefragt wurde:
"Kannst du uns vielleicht einmal helfen?“
Und genau daraus ist Schritt für Schritt mehr geworden. Deshalb wünsche ich mir keinesfalls, dass wenige Menschen noch mehr leisten. Ich wünsche mir, dass viele Menschen den Mut haben, den ersten kleinen Schritt zu machen. Denn Ehrenamt beginnt nicht mit einem Amt.
Es beginnt oft mit einer einzigen Aufgabe.
Einmal den Grill übernehmen. Einen Kuchen backen. Einen Fahrdienst übernehmen. Für zwei Stunden den Verkauf organisieren. Einen Einkauf erledigen. Ein Turnier mit organisieren. Einen Beitrag für den TuS Kicker schreiben.
Oder einfach zu fragen: „Wo kann ich helfen?“
Niemand muss sofort Verantwortung für einen ganzen Verein übernehmen. Aber jeder kleine Beitrag nimmt einem anderen Menschen ein kleines Stück Last von den Schultern. Und genau daraus entsteht Gemeinschaft.
Ich wünsche mir deshalb, dass wir alle einmal ehrlich auf uns selbst schauen und uns fragen:
„Kann ich vielleicht auch einen kleinen Teil dazu beitragen?“
Denn wenn viele Menschen bereit sind, ein kleines Stück Verantwortung zu tragen, muss niemand die ganze Last allein schultern.
Wenn ihr also beim nächsten Training oder Spiel auf dem Sportplatz seid, dann schaut euch einmal bewusst um.
Nicht nur auf das Spielfeld. Sondern dahinter.
Wer sorgt eigentlich dafür, dass heute alles funktioniert?
Und vielleicht stellt ihr euch dann genau diese eine Frage:
„Wo kann ich helfen?“
Nicht zehn Stunden in der Woche. Nicht jeden Tag. Vielleicht nur eine Stunde im Monat. Vielleicht bei einem Turnier. Vielleicht beim Organisieren von zu Hause aus. Vielleicht genau dort, wo gerade Unterstützung gebraucht wird. Ihr werdet überrascht sein, wie viel diese eine Stunde bewirken kann.
Denn jeder Verein hat Aufgaben. Für jede Aufgabe gibt es einen Menschen. Vielleicht weiß dieser Mensch heute nur noch nicht, dass genau er gemeint ist.
Wer hält eigentlich unseren Verein zusammen?
Vielleicht ist es gar nicht der Vorstand. Vielleicht ist es auch nicht die Jugendleitung. Nicht der Trainer. Nicht der Tammanager. Nicht die Eltern.
Vielleicht ist es genau das Zusammenspiel all dieser Menschen.
Menschen, die bereit sind, ein kleines Stück Verantwortung zu übernehmen. Menschen, die anderen mit einem ehrlichen „Danke“ zeigen, dass ihre Arbeit gesehen wird. Menschen, die nicht fragen:
„Warum macht das niemand?“ Sondern: „Was kann ich dazu beitragen?“
Denn Vereine bestehen nicht aus Gebäuden. Nicht aus Satzungen. Nicht aus Tabellen.
Sie bestehen aus Menschen. Aus Kindern. Aus Eltern. Aus Trainerinnen und Trainern. Aus Ehrenamtlichen.
Und aus all denen, die bereit sind, ein kleines Stück ihrer Zeit zu schenken, damit andere eine schöne Zeit haben.
Vielleicht beginnt Ehrenamt genau in dem Moment, in dem aus dem Gedanken „Da müsste mal jemand helfen.“ ganz einfach wird:
„Ich helfe mit.“
